Marktvision Juni
Delta Lloyd Asset Management | 22. Juni 2009
Dinant Wansink
Anleger betrachten Wachstumszahlen durch die rosarote Brille
Welchen Ruf die amerikanische Notenbank Fed und der Finanzminister genießen, ist von entscheidender Bedeutung für die Inflationserwartungen – und demnach für die Zinsentwicklung. Wie die Zinspolitik sich entwickelt, hängt vor allem vom Wirtschaftswachstum und von den Inflationserwartungen ab. Wie derzeit spielen gelegentlich auch andere Faktoren wie der Ruf und die Politik einer Zentralbank und des Finanzministers eine Rolle. Beide haben Einfluss auf Angebot und Nachfrage am Markt für Staatsanleihen.
Anleger betrachten Wachstumszahlen durch die rosarote Brille
In den vergangenen Wochen stiegen die Zinsen, und die Aktienmärkte zogen an. Aufgrund der weniger unerfreulichen wirtschaftlichen Entwicklungen weltweit wenden wir uns vom sicheren Anleihenhafen ab hin zu risikoreicheren Anlagekategorien. Nicht nur aufstrebende Märkte wie China hatten positive Nachrichten zu vermelden, auch die wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA stimmten hoffnungsvoll. Dennoch ist gewisse Vorsicht angebracht: Im Allgemeinen wird die wirtschaftliche Berichterstattung oft zu wohlwollend betrachtet. Vielen Anlegern zufolge dürfte das stärkere Wachstum die Fed am Ende des Jahres sogar dazu anspornen, die Zinsen zu erhöhen.
Deflationsszenario ist weniger wahrscheinlich
Die Tendenz zu höheren Zinsen ist zu einem großen Teil auch auf die Inflationserwartungen zurückzuführen. Und wenngleich noch immer eine Deflationstendenz besteht, hat das Szenario einer Deflationsspirale seinen Schrecken verloren. Die Zentralbanken setzen alles daran, um eine Deflation zu vermeiden, und der Markt geht in zunehmendem Maße davon aus, dass sie hiermit Erfolg haben werden.
Glaubwürdigkeit spielt eine große Rolle
Nehmen Wirtschaftswachstum und Inflationserwartungen weiter zu, dann muss die Fed den Zinssatz wohl in der Tat erhöhen, um nicht ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen. In den achtziger und neunziger Jahren waren die Zinsen stets niedriger, zum Teil weil Anleger zunehmend darauf vertrauten, dass die Fed die Inflation schon zügeln werde. Wie sich später herausstellen sollte, hat die Fed ab 2003 jedoch eine unvorsichtige Politik betrieben. Sie hat den Zinssatz zu lange niedrig gehalten, was ihrem Ruf geschadet hat. Die Folge dieser Vertrauenseinbuße ist, dass die Risikoaufschläge auf amerikanische Staatsanleihen die Tendenz haben, zu schnell in die Höhe zu gehen. Aber noch ein weiterer Aspekt, der mit Glaubwürdigkeit zu tun hat, spielt hier eine Rolle. Durch die Ausgabe von Staatsanleihen lädt der amerikanische Finanzminister Geithner den USA nun hohe Schulden auf. Die Ausgabe ist notwendig, um die Konjunkturpläne zu finanzieren, die die Wirtschaft wieder ankurbeln sollen. Chinesische und andere Anleger stehen der Wirtschaftspolitik Amerikas allerdings immer kritischer gegenüber und kaufen weniger amerikanische Staatspapiere. Folglich steigt der Risikoaufschlag auf amerikanische Anleihen weiter. Das reichliche Angebot an amerikanischen Staatspapieren treibt also auch die Zinsen hoch.
Ein prekäres Gleichgewicht
Es ist ein prekäres Gleichgewicht. Der Ruf bildet das verbindende Element zwischen Politik und Zinsniveau. Ist die Politik gut, dann wird der Ruf besser. Ist der Ruf gut, dann sinken die Risikoaufschläge und die Inflationserwartungen nehmen ab, und folglich gibt es einen niedrigen Zins als Belohnung. Es ist zu hoffen, dass dies dem Fed-Vorsitzenden Bernanke und Finanzminister Geithner bewusst ist.
Dinant Wansink
Stratege Delta Lloyd Asset Management
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