2012 wird das Rating europäischer Staatsanleihen eine entscheidende Rolle spielen. Sandor Steverink, Leiter des Anleihenteams von Delta Lloyd Asset Management, erläutert, was es damit auf sich hat.
Nie dagewesene Renditeunterschiede
Wird 2012 für Anleger im Bereich Anleihen zum Jahr der Wahrheit?
Das lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht jedoch,
dass das neue Jahr Bond-Investoren vor ein gewaltiges Dilemma
stellt. Früher war vor allem das Risiko ausschlaggebend für
Investmententscheidung, da sich die Renditen bei Staatsanleihen
nicht wesentlich unterschieden haben.. Das ist heute anders. Die
Renditeunterschiede bei europäischen Staatsanleihen haben ein noch
nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Die Frage, welche Rendite welches
Risiko wert ist, also die Risiko-Rendite-Abwägung, ist schwieriger
zu beantworten als je zuvor.
Szenarienanalyse gefragt
Wer vertretbare Entscheidungen treffen will, muss zunächst die
möglichen Szenarien in Europa gründlich analysieren. Nehmen wir
beispielsweise ein riskantes Land wie Italien, das wir bisher kaum
im Portfolio haben. Um zu beurteilen, wie groß das Abwärtsrisiko
ist, berücksichtigen wir diverse Szenarien. Angenommen Italien
tritt aus dem Euro aus, dann gehen die Anleger ein großes Abwärts-
oder Abwertungsrisiko ein. Doch wenn Italien im Euro bleibt und die
Währungsunion vielleicht enger wird, nimmt das Aufwärtspotenzial
zu. Kurz gesagt: Die Erstellung von Worst- und Best-Case-Szenarien
ist 2012 unverzichtbar.
Flexibel sein und Chancen erkennen
Auch wenn die Risiken in den Randgebieten groß sind, lassen wir
südeuropäische Staatsanleihen nicht außer Acht. Wir sind uns der
Risiken bewusst, halten aber die Augen offen für mögliche Chancen -
auch am Rande Europas. Denn die Märkte können auch übers Ziel
hinausschießen, sowohl nach oben als auch nach unten. Wo die
Bewertungsuntergrenze liegt, ist noch nicht absehbar, aber wir
verfolgen das genau. Im Übrigen ist die Frage noch offen, was 2012
unter den Begriffen "core" (Kernländer) und Peripherie zu verstehen
ist. Vielleicht verschieben sich die Grenzen der Peripherie weiter
nach Norden. Selbst ein Land wie die Niederlande birgt wegen der
enormen Hypothekschulden Risiken und könnte dieses Jahr durchaus
seinen AAA-Status verlieren.
Ratings sind entscheidend
2011 gehörte die Performance unserer Anleihenfonds zur Marktspitze.
Maßgeblich für unsere Anlageentscheidungen 2012 werden mehr denn je
Ratings sein. Diese sind im letzten Jahr gestiegen, obwohl die
Schulden in vielen Ländern unverändert hoch sind. Falsche Anleihen
gibt es unserer Meinung nach nicht, falsche Ratings hingegen schon.
Entscheidend ist daher: Wie beurteilen wir den Emittenten und
welcher Preis ist für die betreffende Anleihe gerechtfertigt? Wer
darauf fundierte Antworten findet, kann bei seiner
Anlageentscheidung 2012 sogar bei griechischen Staatsanleihen
landen.
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